Begutachtung im Rentenverfahren

Begutachtung im Rentenverfahren

Veröffentlicht am 15.06.2012 im Münchner Merkur

Wer einen Antrag auf Rentenleistungen wegen Erwerbsminderung stellt, wird in der Regel ärztlich begutachtet.
Das Ergebnis der Begutachtung ist entscheidend für den Ausgang des Verfahrens. Deshalb ist es äußerst wichtig, den Begutachtungstermin nicht unvorbereitet wahrzunehmen.
Bedenken Sie, dass der Gutachter keine leichte Aufgabe hat. Er muss in einem Zeitraum von ca. 1 Stunde über einen Patienten, den er vorher niemals gesehen hat und dessen Krankheitsgeschichte er nicht kennt, eine sog. sozialmedizinische Beurteilung abgeben. Versuchen Sie deshalb, den Gutachter für sich zu gewinnen, er ist auch nur ein Mensch mit menschlichen Schwächen.

Achten Sie auf Ihr Äußeres, erscheinen Sie nicht über die Maßen gepflegt, mit lackierten Fingernägeln, perfekt sitzender Frisur, auffallendem Schmuck, braun gebrannt, nicht sportlich und jugendlich gekleidet, nicht im Bürooutfit. Ist der erste Eindruck, den Sie auf den Gutachter machen, sehr positiv, führt das oft zu der Vormeinung, „Wer gut aussieht ist auch gesund“. Treten Sie freundlich auf, in keinem Fall überheblich oder gereizt. Lachen Sie nicht, Tränen sind besser. Übertreiben Sie aber nicht und simulieren Sie nichts. Der Gutachter verfügt meist über jahrelange Erfahrungen und merkt das.
Machen Sie sich einen Merkzettel, den Sie nach Ende der Begutachtung dem Gutachter aushändigen. Schreiben Sie Ihre Krankheitsgeschichte und Beschwerden auf, schildern Sie Ihren Tagesablauf, machen Sie eine Gegenüberstellung der Tätigkeiten, die Sie früher noch ausüben konnten und jetzt nicht mehr. Sagen Sie nie, „Ich habe Probleme, meinen Haushalt zu führen“. Machen Sie genaue Angaben, sagen Sie, „Nach 15 Minuten Geschirr spülen muss ich mich für 10 Minuten hinsetzen und ausruhen, schwere Arbeiten, wie Putzen, Waschen oder Gartenarbeiten, mache ich überhaupt nicht mehr, hierfür muss ich mir eine Hilfe nehmen“.

Wenn Sie nach Hobbys gefragt werden, machen Sie die Einschränkung, dass Sie diesen wegen Ihrer gesundheitlichen Einschränkungen nicht mehr nachgehen können.
Beschweren Sie sich nicht über lange Wartezeiten bzw. einen verspäteten Begutachtungsbeginn, lesen Sie keine „Wartezimmerlektüre“, sprechen Sie nicht mit anderen Patienten. Wer auf eine orthopädische Begutachtung wartet, sollte alle 15 Minuten aufstehen und ein paar Schritte gehen. Andernfalls weisen Sie nach, dass Sie über einen längeren Zeitraum problemlos sitzen können.
Schämen Sie sich nicht wegen Ihrer Beschwerden, erzählen Sie dem Gutachter alles. Was Sie zum Begutachtungstermin nicht sagen, bleibt unberücksichtigt.
Merken Sie, dass Sie mit dem Arzt nicht zurecht kommen, die Begutachtung „aus dem Ruder läuft“, können Sie die Begutachtung abbrechen. Schreiben Sie für diesen Fall einen „Erlebnisbericht“ und reichen Sie diesen bei der Rentenversicherung mit der Bitte um erneute Begutachtung ein. Ein fertiges negatives Gutachten bedeutet in der Regel eine Rentenablehnung.
O.g. ist beispielhaft für Punkte, die bei der Begutachtung beachtet werden müssen.
Hilfreich für die Vorbereitung sind Rollen-, Frage- und Antwortenspiele. Die gute Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg.
Rechtsanwälte, die auf dem Gebiet der Rentenversicherung spezialisiert sind, stehen Ihnen hilfreich zur Seite.

Verfasserin: Rechtsanwältin Karmin Streicher
Spezialistin auf dem Gebiet des Erwerbsminderungsrechtes